an- oder besser: aufgeregt durch einige tweets und eine anschließende diskussion gestern ein wohl längst überfälliger blogpost zum thema körperformen. sicherlich getrieben durch eine gewisse wut, daher wohl nicht so sachlich, wie er sein könnte, vielleicht sogar polemisch – aber mein gott, es kotzt mich eben an.
zunächst mal: mir ist vollkommen bewusst, wieviel darüber schon geschrieben und referiert wurde. aber solange die idioten täglich mit den immergleichen phrasen um die ecke kommen, solange müssen sich eben auch die, die anders denken, wiederholen.
die unart, menschen, die anders aussehen, zu be- oder gar verurteilen, gibt es wohl schon immer, und ist überall verbreitet. seien es ungewöhnliche kleider, haarfarben/frisuren, tattoos, piercings und sonstige bodymods – was anders ist, ist komisch.
doch in keinem bereich ist diese unart so verbreitet, so anerkannt und akzeptiert wie im bereich körperformen.
niemand würde einem anderen seine haar- oder augenfarbe oder seine körpergröße vorwerfen. niemand würde, nur weil er schwarzes haar nicht schön findet, sagen, dass schwarzhaarige ja echt abstoßend sind. niemand würde, nur weil er mehr auf blaue augen steht, von braunäugigen fordern, kontaktlinsen zu tragen. niemand würde sich, nur weil er auf große menschen steht, beschweren, dass er sich diese ekligen kurzbeinigen im schwimmbad ansehen muss.
dagegen ist es vollkommen normal und anerkannt, dass “(zu) dicke” oder “(zu) dünne” menschen nicht schön sind. das ist konsens. es ist nicht einmal eine meinung, es ist eine tatsache. es ist normal, an jeder ecke, in jedem magazin, auf jedem sender auf anleitungen zum perfekten körper zu stoßen. es ist normal, geschockte blicke miteinander auszutauschen, wenn ein “zu dicker/zu dünner” auftaucht. es ist normal, zu sagen, dass bestimmte klamotten doch bitte nicht in diesen größen hergestellt werden sollten. es ist normal, das essverhalten anderer zu kommentieren, ihnen nahezulegen, doch mal etwas mehr/weniger zu essen. es ist normal, vom äusseren aufs innere zu schließen, menschen aufgrund ihres aussehens charaktereigenschaften anzudichten.
es ist also normal, dass manche menschen ihr leben lang in dem (vermeintlichen) wissen leben, dass sie nicht schön sind. es ist normal, dass manche menschen große teile ihres lebens damit verbringen, mit sich zu kämpfen, um dem schönheitsempfinden anderer zu entsprechen.
dass es dadurch unheimlich schwer, wenn nicht unmöglich, wird, ein unverkrampftes verhältnis zu seinem körper oder sogar so etwas wie selbstbewusstsein zu entwickeln, scheint dabei egal zu sein. das ganze geht sogar so weit, dass dicke oder dünne menschen, die es trotz ständiger kommentare, kritik und anfeindungen geschafft haben, so etwas wie selbstbewusstsein zu entwickeln, sich sogar sagen lassen müssen, sie könnten doch aber “so” gar nicht glücklich sein. denn, wie ja jeder weiß, niemand findet so etwas schön.
alle, alle sind wir so tolerant, sind wir uns einig, dass doch jeder so leben soll, wie er möchte – aber geht es um zu dicke/zu dünne, gilt das natürlich nicht mehr. da fühlt sich jeder berufen, zu kommentieren. und nicht nur zu kommentieren, sondern sich aktiv in das leben anderer einzumischen. ungefragt. auch bei fremden. der dicken frau im imbiss einfach mal zu sagen, sie solle doch lieber den salat statt der bratwurst nehmen. dem dünnen jungen mann unaufgefordert eine größere portion zu geben, “weil er doch wirklich ein bisschen was auf die rippen braucht”.
ich könnte nun ewig darüber referieren, woher das alles wohl kommt, wieviel zb die medien damit zu tun haben, etc. aber das will ich gar nicht. denn das wären vielleicht erklärungen, aber sicher keine entschuldigungen. selbst wenn man permanent davon umgeben ist – solang unsere gehirne nicht zwecks meinungseinspeisung verkabelt werden, können wir sie benutzen.
und ja, vielleicht wäre ich mir über diese ganze problematik nicht ganz so deutlich bewusst, wenn ich nicht selbst erfahrungen damit gemacht hätte. wenn ich nicht mein leben lang vermittelt bekommen hätte, dass ich “zu dick” bin; wenn ich meinen freund nicht hätte, der sich wiederum schon immer damit herumschlagen muss, dass er “aber dringend mal zunehmen müsste”.
aber – selbst wenn man diese erfahrungen nicht selbst gemacht hat: wenn man sich mal ernsthaft damit auseinandersetzte, würde einem irgendwann auch die absurdität des ganzen klar. es würde einem klar, dass es genauso absurd ist, jemanden wegen seines körperbaus abzuwerten, wie jemanden wegen seiner augenfarbe oder seiner körpergröße herabzuwürdigen. dass es eine frechheit ist, allgemein festlegen zu wollen, was schön und was nicht schön ist; dass es die pure arroganz ist, sein (oftmals auch nur übernommenes) schönheitsbild zum maßstab aller dinge zu machen und anderen ihres einfach abzusprechen.
leider scheinen sich immer noch viele nie ernsthaft damit auseinandergesetzt zu haben. deshalb werde ich immer wieder gegenposition beziehen, wenn ich solche dummen, unreflektierten, verletzenden, diffamierenden sprüche lese oder höre. ich werde immer wieder darüber sprechen, darüber streiten, darüber schreiben, wenn nötig, millionenmal.
(zum schluss möchte ich dazu noch auf diesen beeindruckenden artikel verweisen, der mir bei jedem lesen aufs neue sehr viel mut und hoffnung macht.)