meine gegend ist keine “gute gegend”, wie man so sagt. eine lange, stark befahrene straße, die aus der stadt heraus- und an fabriken vorbeiführt; die häuser alt und heruntergekommen. die bürgersteige sind voller hundehaufen, die läden ausgerichtet auf die menschen, die hier wohnen: lebensmittel- und klamottendiscounter, trink- und spielhallen. “da kannst du nicht hinziehen! da ist doch alles total abgeranzt! da wohnen doch nur asis!”
ich zog aus dem grund her, aus dem die meisten hier leben: die miete ist günstig. und das ist sie noch, aber lang nicht mehr der einzige grund, nirgendwoanders wohnen zu wollen.
alt und heruntergekommen heisst nämlich nicht: hässlich. alt und heruntergekommen heisst: es ist viel passiert. und das, was einmal schön war, geht nicht verloren, egal, wie viel putz abblättert, wie viele scheiben eingeschlagen und wie viele tags gesprüht werden.
und die menschen, die in diesen häusern leben, die sind nicht “asi”. die haben wenig geld und manchmal auch wenig bildung, die kämpfen manchmal mit all ihren mitteln und manchmal geben sie (sich) auch auf. “asi”, wirklich?
da ist meine nachbarin, die mit dem zweiten bypass und einer kaputten hüfte jeden morgen zur arbeit in die druckerei ging, bis die ihr nach 23 jahren kündigte; die so stolz darauf ist, dass ihre drei kinder alle gute jobs und “was aus ihrem leben gemacht” haben und die so gern sonntags zum tivoli fährt, um dort die alemannia anzufeuern. da ist der alte mann, den ich, egal wann ich vorbeikomme, mit seiner flasche oettinger auf der bank an der bushaltestelle sitzen sehe. manchmal sitzt ein anderer bei ihm, dann prosten und nicken sie sich hin und wieder zu, manchmal sitzt er allein dort, beobachtet die ankommenden und abfahrenden busse und die leute, die vorbeigehen. an der haltestelle treffe ich oft auch die alte frau, die immer einen kleinen beutel mitbringt und in den mülleimer wirft, bei der ich mich schon so oft gefragt habe, was sie da drin hat, was sie nicht zuhause wegwerfen kann, und wieso überhaupt es irgendetwas gibt, das sie nicht zuhause wegwerfen kann. rechts von mir wohnt der kleine mann mit dem riesigen hund, aus dessen fenstern es immer nach gras riecht, links von mir, ein paar häuser weiter, die große, blonde, transsexuelle djane janien, die in den fenstern ihrer wohnung mit plakaten für ihre nächsten schlagerpartys wirbt.
sie wissen es nicht, aber sie schenken mir geschichten.
und zwischen diesen menschen, unter den fenstern dieser häuser, gegenüber der marmeladenfabrik, da war ein freier platz für mich.
in der imperfektion liegt mein zuhause.
