retrospektive – 2

es geht weiter mit einem gedicht von 1998.  in diesem jahr hieß mein objekt der begierde für gute 6 monate (was damals extrem lang war) andreas.

andreas kam in diesem jahr von einer anderen schule in meine parallelklasse, wir hatten zusammen reli. er war also neu, und damit per se interessant, und ausserdem ein jahr älter, da sitzengeblieben, und das machte ihn unfassbar viel cooler als die anderen jungs aus der stufe (viel cooler auch als jiorgo, der mittlerweile endgültig abgeschrieben war).
bei mir hatte er schon in dem augenblick, in dem ich ihn das erste mal sah, gewonnen – das lag mit hoher wahrscheinlichkeit zu einem großteil an seinem armee-rucksack, der über und über mit nirvana-schriftzügen bedeckt war. ein armee-rucksack! mit „nirvana“ drauf!!
zum anderen fand ich ihn wahnsinnig attraktiv, trotzdem – oder vielleicht gerade weil – er so ganz anders aussah als jiorgo. gut, er trug auch baggies und kappen, aber das war wohl die einzige gemeinsamkeit. während jiorgo eher schlaksig war, war andreas.. kompakter – nicht so groß, aber dafür breite schultern. seine augen waren braun, die haare dunkelblond, und immer sah er ein wenig melancholisch aus. vielleicht habe ich ihm grade das auch nur angedichtet, weil ich so sicher war, dass er, wenn er schon dieselbe musik hörte, ähnlich getrieben, ähnlich verzweifelt sein musste wie ich.
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in meinem kopf lagen wir arm in arm in seinem (bestimmt total coolen) zimmer auf dem bett, während draussen der regen ans fenster prasselte, teilten uns einen kopfhörer, aus dem nirvana kam, und redeten über das leben.
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in der realität würdigte er mich keines blickes.
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aber das hielt mich nicht davon ab, jede menge schmalzige gedichte zu schreiben. ich habe das ausgesucht, das ich für am wenigsten schlimm halte – bitte sehr:
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ohne titel (1998)

er ist nicht hier und doch alles was ich seh
er fehlt mir, ich denk an ihn und es tut weh
er hat mich überlistet
dreist sich in mir eingenistet
seh sein bild
werde wild
raste aus
renne raus
komm wieder rein
bin allein

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[es endete übrigens damit, dass mein pflegebruder, der ab und zu mit andreas zu tun hatte,  sich irgendwann breitschlagen ließ, mal vorsichtig bei ihm nachzuforschen, „wie er mich denn fände“. tja.
erst wusste andreas gar nicht, wer gemeint war; als es ihm klar wurde, da sagte er „achso, die fette – naja, nich so geil, ne?!“ (und dabei war ich damals nicht mal wirklich fett, ein bisschen moppelig vielleicht, aber das reicht ja für jungs in dem alter schon..)
mittlerweile habe ich es soweit verarbeitet, dass ich darüber sprechen kann, aber das hat seine zeit und viele, viele therapiestunden gedauert. ^^]
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5 responses to “retrospektive – 2

  • Fee

    Autsch. (Nicht im Bezug auf das Gesicht, dass gefällt mir wirklch!) Und… oh Gott. Ich bin du. Das ist ja mal gar nicht gut. Jetzt, wo ich den Verlauf meines weiteren, pubertären Daseins erfahren habe, werde ich vor Vollendung meines 50. Lebensjahr mein Zimmer nicht mehr verlassen. Nein, oh, nein.

  • Fee

    Das ist, als hätte man mir den Tag meines Todes eröffnet! Schlimmer noch! Ich brauche Schokolade.

  • Keks

    Ich glaube, ich bin verliebt in diese Serie *lach*. Das hat so was von Beverly Hills 90210 nur in cool :D. Hach, irgendwie erging es uns doch allen so oder so ähnlich. (Mal abgesehen davon, dass ich hoffe, dass dieser Andreas heute mit seinem inzwischen nicht nur kompakten sondern auch dicken Hintern auf einer Couch sitzt und sich fragt, was in seinem Leben wohl schief gelaufen ist. Die coolen Jungs wussten irgendwie nie, was wirklich zählt).

    Und ich mag auch die Gedichte. Sehr sogar. Ich würde es nie schaffen meine Gedanken und Gefühle in ein paar Zeilen zu quetschen und Du hast das getan, ohne dass die Empfindungen an Kraft verloren. Das gefällt mir :).

  • Holger

    Vom Rhythmus her ist das sehr, sehr Hip-Hop…

    Aber ernsthaft: Mach‘ bitte die Qualität Deiner eigenen Texte nicht immer so entschuldigend herunter, dafür sind sie zu gut. Du bist selbstkritisch, das ist okay, aber kommerziell verwendbar wäre das allemal und um Längen besser als vieles, was an deutschen Musiktexten produziert wird.

    Und was die Randepisoden namens Leben drumherum angeht – die Zeit zeigt, dass oft gerade die, die im Teenageralter besonders cool gewesen sind, von denen alle anderen gedacht haben, dass sie mal prominent, wohlhabend, erfolgreich und beliebt würden, nun fast alle irgendwo bei einer Bank oder Versicherung arbeiten, armen Durchschnittsverdienern unnötige Verträge aufschwatzen und Abend für Abend neben einem Menschen sitzen, den auch nur anzusehen sie sich vor zehn oder fünfzehn Jahren in ihren schlimmsten Albträumen nicht hätten ausmalen wollen.

  • semisuicidal

    liebsten dank für eure kommentare! :)

    @fee:
    „oh Gott. Ich bin du. Das ist ja mal gar nicht gut.“ – ja, vielen dank auch! ;) aber tatsächlich: ich zu sein ist selten gut.
    hoffe, du bist wieder runtergekommen? ^^
    (achja, heut hab ich nochmal einiges um die ohren, aber morgen setz mich an ne antwortmail, versprochen!)

    @keks:
    „Beverly Hills 90210 nur in cool“ – hm, ich glaube, das lass ich mir auf’n t-shirt drucken, danke dir! und danke auch sehr für das lob – das tut gut.

    @holger:
    naja.. ich weiß, ich bin spezialistin in sachen selbstzweifel, aber ich glaube, was das schreiben angeht, schaffe ichs meist ganz gut, einigermaßen objektiv zu sein. (oookay, es gibt durchaus tage, da lese ich, was andere so schreiben und denke nur noch „gibs auf – du bist maximal mittelmaß!“ – aber aufhören kann ich eh nicht, dafür liebe ich das schreiben zu sehr.) und naja, diese gedichte sind halt.. alt. und ich glaube (bzw., hoffe), mich seitdem weiterentwickelt zu haben. ganz schlecht sind sie vielleicht nicht, aber ich weiß mittlerweile, dass es sehr viel besser geht. aber trotzdem freu ich mich sehr über deine meinung dazu! :) (und pst, nicht verraten, aber ich hab tatsächlich ein, zwei solche hiphop-texte geschrieben. die bleiben aber wirklich in der schublade.. ^^)

    und danke für das, was ihr über andreas sagt – ihr habt sicher recht. ich will euch auch noch eben erzählen, was ich danach, bzw., sehr viel später, noch von ihm so mitbekommen habe, das passt nämlich ganz gut:
    vielleicht ein halbes, maximal ein jahr nachdem ich so schrecklich verliebt in ihn war, fing er an, sich zu verändern – wurde vom geheimnisvollen, leicht melancholischen, ganz bestimmt totaaal tiefgründigen grunger zum möchtegern-hiphop-gangster. er trug diese fürchterlichen, aber ach so coolen ärmellosen basketballtrikots (die allerhöchstens an einem großen, muskulösen basketballspieler gut aussehen, nicht aber an einem untrainierten, recht käsigen halbwüchsigen), wie alle seine freunde – entschuldigung: homies. wo er früher zurückhaltend gewirkt hatte, wurde er jetzt zum ober-player, die pausen, die er sonst mit stöpseln in den ohren verbacht hatte, dienten jetzt zum rumprollen und mädchen abchecken – kurz: er war mir einfach nur noch unsympathisch.

    und was er heute macht, weiß ich nicht, aber ich hoffe, es ist eine mischung aus dem, was du, @keks, und du, @holger, vermutet. ;)

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