retrospektive – 3

nach der sache mit andreas schwor ich mir, mich nie, nie wieder zu verlieben, sowas sollte mir nicht nochmal passieren. wie lang genau ich das durchgehalten habe, weiß ich gar nicht mehr – hätten meine pflegeeltern nach meinem auszug nicht meine tagebücher behalten, wäre das anders; aber das ist eine andere geschichte.

es änderte sich jedenfalls, als ich andré begegnete. er war 20 und der große bruder des besten freundes meines pflegebruders, und ich war unfassbar beeindruckt, als ich ihm das erste mal begegnete. er war nämlich der erste mensch, der es, zumindest meines wissens nach, wagte, meinen pflegevater offen zu kritisieren.

es war sommer, wir hatten gegrillt und als andré vorbeikam, um seinen bruder abzuholen, bat ihn mein pflegevater gleich auf die terasse, um „einen zusammen zu trinken“ – offen, freundlich und gesellig zu wirken, war ihm sehr wichtig. sie setzten sich also, und während ich den tisch abräumte, bekam ich teile ihres gesprächs mit. und ich erinnere mich gut, wie ich mich beherrschen musste, die teller nicht fallen zu lassen, als ich hörte, wie andré irgendetwas über die bedrückende, angstgeladene athmosphäre in unserem haus sagte. was mein pflegevater darauf antwortete, weiß ich gar nicht, weil ich in der küche von meiner pflegemutter in beschlag genommen wurde, aber allein dass er es gewagt hatte, so etwas auszusprechen!

ein paar wochen später traf ich ihn wieder, zusammen mit meinem pflegebruder, wir fuhren zusammen in andrés wohnung, kochten, unterhielten uns, hatten spaß. er lud mich ein, wiederzukommen, und das tat ich, und dann trafen wir uns eine ganze zeitlang – natürlich ohne dass meine pflegeeltern davon wussten. ich fühlte mich so wohl bei ihm, konnte mit ihm über das, was „zuhause“ passierte, und alles andere, reden.. er war adoptiert, konnte daher auch verstehen, wie ich mich wegen meiner eltern fühlte, er gab mir das gefühl, bei ihm sicher zu sein.. ich war schon lange bis über beide ohren in ihn verliebt, als wir uns das erste mal küssten.

kurz darauf zog ich von zuhause aus, meine pflegeeltern kriegten irgendwie raus, was da mit andré lief und drohten mit anzeige etc. – glücklicherweise waren sie dann aber doch mehr mit mir und dem jugendamt beschäftigt. andré und ich trafen uns weiter, und es wurde immer komplizierter. er machte sich ständig gedanken darüber, dass das mit uns doch eigentlich nicht funktionieren könne – schließlich war er 6 jahre älter als ich. immer wieder zog er sich zurück, wollte alles abbrechen, und kam dann doch wieder. und ich, ich konnte nicht anders als glücklich sein, wenn er wiederkam – war ich mir doch so sicher, dass das mit ihm genau das richtige war.

nach ungefähr einem jahr aber wurde es doch zu kräftezehrend. ich sagte ihm, dass ich entweder ganz mit ihm zusammen sein wollte oder gar nicht, dass dieses hin und her einfach nicht mehr zu ertragen war. er konnte sich nicht dazu entscheiden, auf volles risiko zu gehen, und so beschlossen wir – nicht lachen jetzt, ja?! – freunde zu bleiben. natürlich war das nicht im geringsten das, was ich wollte, aber es war – so dachte ich, haha – besser als gar nichts.

es war dann allerdings fast noch schlimmer, als das davor. also brach ich den kontakt irgendwann ab (und sah ihn die folgenden 6 jahre nicht wieder), und das, ja, das war das unspektakuläre ende.

.

das gedicht, das ich euch diesmal vorstellen will, entstand, als ich so langsam aufhörte, jeden tag zu heulen, als ich so langsam wieder das gefühl hatte, auch ohne ihn weiterleben zu können. (jaha, ich weiß – furchtbar dramatisch, aber hallo?! ich war 15! ^^)

bitteschön:

.

Nach dir die Sintflut (1999)

Tränen, die die Sterne auslöschen
Seelen, die über die Ufer treten
Frieden, der an Riffen zerschellt
Schweigen, das die Schreie überschwemmt
Leere, die die Gefühle verschluckt

Ebbe
-und ein Samenkorn,
das die ersten Wurzeln ausstreckt

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3 responses to “retrospektive – 3

  • Fee

    Ich habe Gänsehaut. Dank der Geschichte, die mich das Gedicht aus einer anderen Perspektive sehen lässt. Es ist schön und ich glaube daran, an das, was du sagst und vielleicht warst du erst 15, na und? Du warst verletzt. Das ist immer schlimm. Das Gedicht ist schön und es ist… wahr. „Seelen, die über die Ufer treten“ – jeden Tag.

    • semisuicidal

      „die mich das Gedicht aus einer anderen Perspektive sehen lässt.“ – oh, jetzt bin ich sehr gespannt, aus welcher perspektive du es sonst sehen würdest.. :)
      und ja, du hast recht, natürlich ist es mit 15 genauso schlimm, verletzt zu werden, wie mit 25. der unterschied ist bloß, dass man irgendwann weiß, dass man doch nicht stirbt, so sehr es sich auch danach anfühlen mag.
      danke dir!

  • Tweets that mention retrospektive – 3 « life in borderland -- Topsy.com

    […] This post was mentioned on Twitter by ., SemiSuicidal. SemiSuicidal said: so, besagter, gottseidanknichtverschwundener, blogeintrag wäre dann fertig: http://bit.ly/8ZDAPy #new_blogpost […]

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