retrospektive – 6

nachdem ich mich von martin getrennt hatte, schrieb ich immer mehr – und hatte irgendwann das bedürfnis, meinungen zu meinen texten zu hören; also meldete ich mich in einem literaturforum an (www.keinverlag.de; bis heute das beste literaturforum, das ich kenne).

irgendwann stieß ich dort auf die texte von tobi. ich war von der ersten zeile an beeindruckt, da hatte jemand wirklich was drauf. ich hinterließ ihm kommentare unter seinen texten, er beantwortete sie, wir schrieben uns dms, stundenlang hin und her.. dann tauschten wir icq-nummern aus, und als wir nach nächtelangem durchschreiben müde wurden, auch die telefonnummern. die ewigen gespräche über icq setzten sich am telefon fort, wir waren sofort vertraut miteinander, und entdeckten am laufenden band dinge, die wir gemeinsam hatten.. das ging ein paar tage so – währendderer sowohl mitbewohnerin als auch freundinnen mich mit meinem dauergrinsen aufzogen – und mündete dann in einem treffen.

er kam aus krefeld, und wir legten für das erste treffen aachen fest. schon vorher am telefon hatten wir uns ungefähr 4000 dinge vorgenommen, die wir dann zusammen machen wollten – „before sunset“ schauen, uns betrinken, uns gegenseitig musik vorspielen, im park in der sonne liegen..

im endeffekt schafften wir nur einen bruchteil davon, aber das war egal, weil jede minute toll war. schon bei diesem ersten treffen war ich sicher, dass dieser typ alle vorherigen in den schatten stellen würde.

wir kamen dann auch recht schnell zusammen, und es war großartig. die entfernung aachen – krefeld war glücklicherweise nicht so groß, in anderthalb stunden war man mit dem zug da, und so verbrachten wir jedes wochenende miteinander. wir merkten schnell, dass wir ähnlich verkorkst waren, und irgendwie schienen unsere macken kompatibel zu sein.

diese beziehung war extrem, intensiv, in jeder hinsicht. wir machten nächte hintereinander durch, schrieben texte zusammen, verbrachten stunden im rausch, probierten miteinander dinge, die vorher undenkbar gewesen wären, kreisten umeinander und hatten das gefühl, die welt kreist um uns. und auch wenn wir manchmal ahnten, wie destruktiv das alles manchmal war, wir hätten es uns nie eingestanden.

irgendwann zog tobi nach aachen. nicht nur für mich, das hätten wir beide nicht gewollt – er kam zusammen mit seinem besten freund, die beiden wollten hier zusammen ihr abitur nachholen.

und irgendwie habe ich das gefühl, dass es ab da bergab ging. es dauerte noch eine ganze weile, bis wir uns trennten, aber im nachhinein scheint es, als sei das der anfang vom ende gewesen.

irgendwann stritten wir uns nur noch. immer wieder kamen dieselben themen auf den tisch, an die ich mich heute schon nur noch vage erinnere, und immer wieder scheiterte es daran. wir trennten uns xmal, um dann aufgelöst und verzweifelt doch wieder beieinander zu landen.. unsere streitereien wurden immer extremer, wir gerieten irgendwann sogar körperlich aneinander..

eines tages, als ich mich gerade wieder einmal von ihm getrennt hatte, bekam ich über das forum, in dem wir uns kennengelernt hatten, eine anonyme nachricht. darin hieß es, es sei ein glück, dass ich mich getrennt hätte, zumal er mich ja betrogen – und eine andere geschwängert! – habe.

und danach – tja, danach war er nie wieder zu erreichen. meine pflegeschwester schaffte es, ihn noch einmal zu treffen, und mit ihm über die nachricht zu sprechen, da stritt er alles ab und versprach, sich bei mir zu melden. das tat er nie.

ich stand also da, in den trümmern von allem, woran ich bis dahin geglaubt hatte, und war allein.

und die geschichte war besonders hässlich, da er mir ausser antworten auch noch einiges andere schuldete: möbel zb, die ich ihm geliehen hatte. ich brauchte diese dinge wieder (wer hat schon das geld, sich mal eben eine neue küche zu kaufen?), und versuchte deshalb umso mehr, ihn zu erreichen – über telefon, email, icq, seinen mitbewohner, sogar seine mutter – ohne erfolg.

das ganze zog sich über ein jahr; zwei- oder dreimal habe ich ihn erreicht, jedes mal versprach er, sich wenigstens wegen der sachen zu melden – nichts.

irgendwann konnte ich nicht mehr, und gab auf. lieber eine küche verlieren, als auch noch das letzte bisschen kraft.

danach habe ich über das besagte forum, studivz oder auch twitter immer mal wieder etwas von seinem leben mitbekommen, kontakt hatten wir aber nie wieder.

.

tja, er ist definitiv der „sieger“ in dieser retrospektive, so wie er hat mich sonst niemand umgerissen.

deshalb ärgert es mich manchmal auch ein wenig, dass ausgerechnet eines meiner persönl. lieblingsgedichte an ihn geht – aber nun gut. man soll um jede erfahrung dankbar sein, nicht?

.

Ohne Titel (2006)

Mir ist als hätt´ ich dich gehört
– es war ein Hund am Gartentor.
Es hätt´ mich wirklich nicht gestört,
du fehlst schon lang – so kommt´s mir vor.

Es ist okay. Ich komme klar.
Vermiss´ dich gar nicht allzu sehr.
– Ich geb´ es zu, das ist nicht wahr.
Doch ich beklage mich nicht mehr.

Ich kann nicht ändern, wie es ist.
Ich bin und bleib´ allein mit mir.
Ich frag´ mich nichtmal, wo du bist.
Es ist mir gleich. Du bist nicht hier.

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