brief an dich, nicht abgeschickt

wenn ich das haus verlasse, dauert es nicht lang, bis der erste wagen mit dem logo deines arbeitgebers an mir vorbeifährt. kein wunder, er liegt ja um die ecke. gestern habe ich dich sogar gesehen, aus dem bus heraus. du bist mit dem fahrrad vorbeigefahren, es war noch lang vor deinem eigentlichen feierabend. wahrscheinlich hast du früher schluss gemacht, um an deiner diplomarbeit zu arbeiten. aber sicher bin ich mir nicht, vielleicht hattest du auch was ganz anderes vor – ich weiß eben nicht mehr jederzeit, wo du bist und was du machst.

einmal in der woche sprechen wir uns, für ein, zwei stunden.
die restliche zeit verbringe ich vor allem mit dem versuch, mich irgendwie zu beschäftigen. schreiben, putzen, waschen, bücher-, musik- und filmsammlung ordnen, online-profile aufräumen, freunde treffen, trinken und rauchen. nur nicht nachdenken.

schön wärs, wenn das immer funktionieren würde. wenn ich mich einfach an dieser notleine entlang hangeln könnte, so lange, bis die gewöhnung einsetzt, bis der schmerz erträglicher wird und ich wieder aufrecht gehen kann. aber manchmal, da gleitet mir alles aus den händen, ich stolpere, stürze. dann lieg ich da, in meinem bett oder auf meiner couch, zusammengerollt weil alles so wehtut; ich sitze am schreibtisch und starre auf das leere worddokument, in dem sich der cursor seit stunden nicht bewegt hat, oder stehe im bus, sehe dich vorbeifahren und beginne zu beten, dass die nächste haltestelle bald kommt und ich aussteigen kann, weil ich spüre, dass ich die tränen nicht mehr lang zurückhalten kann.
wenn wir miteinander reden, sage ich dir das nicht. ich erzähle dir, dass du mir fehlst, aber nicht, wie sehr, dass ich an dich denke, aber nicht, wie oft.

manchmal, wenn es ganz schlimm ist, halte ich stundenlang das telefon in der hand. die sätze sind längst zurechtgelegt, ich glaube, das waren sie schon in dem moment, in dem du gingst: „komm, wir vergessen das alles, komm, wir fangen nochmal neu an, wir kriegen das irgendwie hin – komm einfach vorbei, ja?“ aber ich wähle nicht, drücke nicht „anrufen“. ich sage dir das nicht. der kopf weiß, warum wir ausgerechnet diesen weg gewählt haben, einen, der uns trennt, auch wenn er uns am ende wieder zusammenführen soll, und er weiß auch, was passieren wird, wenn er das dumme herz gewähren lässt. wir haben genug darüber gesprochen. waren uns einig, dass es jetzt eben einfach nicht geht – dass es, wenn es jemals weitergehen soll, erst einmal enden muss. wir müssen uns loslassen, dürfen aber dabei die verbindung nicht abreissen lassen, um irgendwann wieder zurück zueinander zu finden.
ohne zu wissen, was uns erwartet, haben wir versucht, uns vorzubereiten, mögliche szenarien durchgespielt, regeln aufgestellt für irgendwelche eventualitäten. haben versucht, diesen weg zu planen, ohne zu wissen, wie es dort, wo er hindurchführt, aussieht. möglich, dass wir umkehren müssen, weil wir nicht weiterkommen, möglich, dass wir abbrechen müssen, weil es zu kräftezehrend wird, möglich, dass wir uns dabei ganz einfach verlieren.

aber wir kennen das ziel. solange es noch nicht in sichtweite ist, müssen wir eben mitten hinein in das ungewisse, versuchen, uns zurechtzufinden.
ich habe bloß angst.

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4 responses to “brief an dich, nicht abgeschickt

  • Holger

    „bloß Angst“…

    Das ist von allen Gegnern der wohl schwierigste – weil man gegen sich selbst antreten und auf jeden Fall gewinnen soll. Ich wünsch‘ Dir die dafür nötige Kraft und Geduld.

    • semisuicidal

      du hast so recht.. es ist der schwierigste gegner. angst kann, so nützlich sie auch manchmal sein mag, so gemein und tückisch sein.. man darf sie eben nicht die oberhand gewinnen lassen.
      danke für die guten wünsche, die kann ich brauchen (besonders mit der geduld triffst du nen besonderen knackpunkt bei mir ;).)

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