ein experiment, teil 2

vor knapp einem jahr befand ich mich schon mal in der für mich totaaal ungewöhnlichen situation ^^, ums verrecken nicht zu wissen, woüber ich bloggen soll. da hat mir (wie so oft) twitter geholfen, genauer gesagt, meine großartigen follower. damals sah das so aus.

heute war’s dann wieder so weit: ich habe meine follower gebeten, mir 5 wörter zu nennen, aus denen ich dann versuche, eine geschichte zu stricken. das war auch relativ schnell geschehen, die ersten 5 einsender waren: @thalestria,“glück“; @leibowitz , „badesalz“; @dramalovesme, „licht“;  @caramelinfusion, „caramelinfusion“ und @tuneless_song, „seifenblasenlichtreflexionsbild“. (liebsten dank euch allen nochmal!)

vor begutachten des textes, der aus diesen 5 wörtern entstanden ist, bitte ich um beachtung der tatsache, dass er unter dem einfluss einer flasche wein entstand. eventuelle kitschigkeiten sind damit zu entschuldigen. vielen dank!

Ich schließe die Tür auf, da höre ich sie schon im Flur. Sie kommt mir entgegen, mit ölig-glänzenden Händen, strahlend. Ich grinse. „Was machst du denn?“ – „Badesalz!“ ruft sie mir über die Schulter zu. Ich folge ihr in die Küche. Der Tisch steht voller Fläschchen, Phiolen, Tiegelchen, wasweißich, dazu ein riesiger Pack Salz. „Das ist für heute abend, wir gehen baden! Guck mal, ich hab sogar Glitzer!“ Das ist für heute abend, wir gehen baden. Ja, für sie ist alles.. besonders. Nichts ist einfach nur eine Tätigkeit. Alles kann aufregend, schön, neu sein.

Ich mochte sie nicht, als wir uns kennenlernten. Oder besser: ich dachte, sie nicht zu mögen. Ihre wirbelige Art, ihre kindliche Freude, ihre Wortneuschöpfungen – ich meine, wer kommt schon auf Dinge wie „Seifenblasenlichtreflexionsbild“? Das alles war mir so.. fremd. Ich konnte das Leben nicht so sehen. Nicht, dass sie immer fröhlich gewesen wäre, im Gegenteil, wenn sie traurig war, war das allumfassend, beängstigend manchmal, aber sah man sie dann ’nen halben Tag, ein paar Stunden, manchmal nur Minuten später, dann strahlte sie wieder. Und das – das konnte ich nicht. Ich konnte traurig sein wie sie, aber ich konnte nicht kurz darauf wieder lächeln, mich in mein Buch oder die Musik auf meinem Ipod vertiefen oder in einem lebhaften Gespräch aufgehen.
Vielleicht lag das auch daran, dass ich es nicht so schnell wieder loslassen konnte. Ich konnte zwar genauso traurig sein wie sie, aber ich konnte nicht weinen, wenn mir danach war, ich konnte niemandem den Kopf auf die Schulter legen und sagen „ich bin so traurig grad‘.“ Ich konnte nur schlucken, die Fäuste ballen, versuchen, die zitternde Unterlippe in den Griff zu bekommen. Tja, und wer ständig alles in sich vergräbt, der braucht sich nicht wundern, dass er es nicht loswird.
Dass meine Tendenz, Distanz zu ihr zu halten, also nicht auf Abneigung, sondern auf Angst beruhte, machte mir mein Therapeut klar, der sich irgendwann nicht mehr abwimmeln ließ, nachdem ich mich wieder und wieder in unseren Sitzungen über sie ausgelassen hatte. Daraufhin wurde mein Fluchtreflex ihr gegenüber zunächst erstmal noch viel größer. Aber wenn man einen Freundeskreis teilt, läuft man sich zwangsläufig immer wieder über den Weg. Und wenn man Anfang 20 und etwas orientierungslos ist, dann enden Abende eben immer wieder in viel Bier und ein paar Joints, und ein solcher Abend war es, an dem wir uns näher kennenlernten. Eigentlich meinte ich sie sogar schon recht gut zu kennen – aus der Distanz lässt es sich gut beobachten – aber naja, irgendwie sah sie dann auch viel mehr von mir, als ich gewöhnlich zu zeigen bereit war. Ich schob das aufs Bier.

Ihr Quietschen reisst mich aus meinen Gedanken. „Und weißt du, was ich noch habe?!“ sie hüpft auf und ab. „Caramel chocolate shortbread! Hab‘ ich heut‘ morgen gebacken!“ Sie läuft in die Küche, kommt zurück mit einer Dose voller Kekse, hält sie mir entgegen. Ich nehme mir einen Keks, dann ihr die Dose aus der Hand und ziehe sie an mich. Mit dem Mund voller Karamell und Schokolade küsse ich sie, dann macht sie sich los und ginst mich an. „Caramelinfusion!“ – „Infusionen sind normalerweise intravenös, Hase!“ grinse ich. „Ist doch egal, es passt trotzdem!“

Ihre Fähigkeit, Dinge einfach selbst zu gewichten, und das, was sie für weniger unwichtig hält, einfach zu ignorieren, ist auch so was, was mir früher Angst machte, und um das ich sie heute beneide. Für mich wurde an bestimmten Dingen einfach nicht gerüttelt. Meine Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin, hatten mir beigebracht, dass man sich an bestimmte Dinge einfach hält, dass man das, was man gelernt hat, nicht einfach so in Frage stellt oder gar über Bord wirft.
Ja, sie ist in vielem mein Gegenteil. Sie ist, wie sie ist, und nicht, wie sie glaubt, sein zu müssen. Sie kann von ihrem glauben an das Glück sprechen, ohne jeglichen Zynismus. Sie mag die Dunkelheit, hat aber auch keine Angst vor dem Licht.

Und vielleicht schafft sie es irgendwann, mir meine zu nehmen. Aber jetzt gehen wir erstmal baden.

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7 responses to “ein experiment, teil 2

  • tuneless

    ich hab’s versucht, wirklich. aber jedes kommentar, dass ich abgeben könnte läuft auf schmeichelei hinaus. nicht, dass ich den text nicht mag – neinen – ich glaube, ich liebe ihn sogar, nur… nunja… mir fehlen gerade die worte die genügend regenbogenglitzersternebunt für den text enthalten.
    kuschelmonsterfiktionarisch- und wollmäuschensamttapspfoten-
    schöööön!
    danke dir, liebe semi für mein heutiges texthighlight. (:
    k.

    • semisuicidal

      aw – also, du, ich glaube, das hier reicht mir völlig ;). danke dir für so viel lob! (und deine mithilfe, natürlich. und die wundertollen neuen wörter.)

  • Tweets that mention ein experiment, teil 2 | life in borderland -- Topsy.com

    […] This post was mentioned on Twitter by Mel, das sMesHer. das sMesHer said: RT @Semi_Suicidal: was daraus werden kann, wenn man seine follower um 5 wörter als anstoß zum schreiben bittet: http://bit.ly/eumG11 #ne … […]

  • flugunfaehig

    Ich will auch so schöne Sachen erzählen können. Ich will auch etwas schreiben, bei dem man nach dem Lesen glückselige Bauchschmerzen hat. Das hast du ganz toll hingekriegt. Ich will auch jemdanden, der mir meine Angst vor dem Licht nimmt. Oder wenigstens nochmal Caramel chocolate shortbread.

    • semisuicidal

      da ist sie wieder, die tiefstaplerin. ich wette, du kriegst sowas genauso hin, wenn nicht besser.
      und zumindest wegen des shortbreads, da kann ich was machen.. ;)

  • Keks

    Ich gebe ja zu, dass ich an Texte gerne auch mal etwas analytischer heran gehe. Ich mag die Art, wie du die Erzählende (also Dich?) durch die Agierende beleuchtest. Eigentlich sollte man beim Lesen Glitzer und Seifenschaum sehen, stattdessen bekommt man aber einen Seeleneinblick. Das gefällt mir. Das gefällt mir sogar sehr!

    Gefühlsmäßig sage ich nur, dass sich das alles wundervoll warm und weich und nach Liebe trotz Dunkelheit anfühlt. Irgendwie ist mir jetzt nach einem heißen Bad :D.

    • semisuicidal

      bitte das lyrische ich nicht mit dem autoren verwechseln! ;)
      nein, ernsthaft: ich lasse immer eigenes mit einfließen, das stimmt; ich statte figuren gerne mit von mir erlebtem, charakterzügen oder einstellungen von mir aus, um das ganze.. lebendiger zu machen. es kommt aber genausoviel fiktion dazu, ausgedachtes, dinge, die ich bei anderen beobachtet habe, etc., sodass mir manche meiner figuren zwar ähneln, „ich“ ist aber keine davon.
      (hm, verständlich?)

      so oder so, ich freu mich, dass der text gefällt. und dein letzter absatz macht mich besonders happy, denn ungefähr das ist es, was ich mit dem text erreichen wollte. danke dir :).
      (und, bad genossen? ;))

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