vom glück(lich werden)

(schon seit tagen trug ich mich mit dem gedanken, mal über das glück zu bloggen, und eine sendung, die ich gestern abend im fernsehen gesehen habe, gab mir den letzten anstoß.)

 

 

sei es in selbsthilfebüchern, in esoterikforen, oder auch in dem „glücksreport“ gestern abend auf pro7: früher oder später fallen immer sätze wie „man muss nur wirklich wollen“. und spätestens da möchte ich dann brechen.
dieser einstieg wirkt vielleicht polemisch, aber nun ja – ich empfinde es so. es macht mich wütend, so etwas zu lesen oder hören. die these, man müsse sich nur entscheiden, glücklich zu sein, ist blanker unsinn und ausserdem ein schlag ins gesicht für jeden, der schon mal darum kämpfen musste, (wieder) glücklich zu werden.
wirklich, ich wünschte sehr, die eigenen gedanken und gefühle wären frei, so frei, dass man tatsächlich eine solche entscheidung treffen kann. dumm nur, dass sie das nicht sind. dumm, dass man, meist schon in kindheit und jugend, bewertungssysteme und denkmuster entwickelt, um die welt einzuordnen und sich in ihr zurechtzufinden; und dumm auch, dass einen diese muster und systeme, solange man sich nicht aktiv damit auseinandersetzt, meist ein leben lang begleiten. soviel also dazu: man kann gar nicht von jetzt auf gleich „einfach anders denken“.
manche dieser ratgeber gehen darauf sogar ein, schieben ihren plattitüden noch ein mahnendes „aber man muss auch dafür arbeiten!“ hinterher. in besagtem glücksreport bespielsweise dauerte es tatsächlich drei monate, gefüllt mit allerlei motivierenden, selbstbewusstseinssteigernden übungen wie boxen und klettern, ein paar tränenreichen gesprächen und natürlich auch einem umstyling, bis die kandidaten (!) endlich wieder glücklich waren. – entschuldigung, aber:hahahahaha!
nicht, dass manche der kandidaten nicht am ende sogar tatsächlich etwas glücklicher gewirkt hätten, nicht, dass manches, was man dort mit ihnen veranstaltet hat, im richtigen (therapeutischen!) rahmen nicht tatsächlich etwas bringen könnte – nein, mein problem ist eher, dass gewisse dinge sich einfach nicht innerhalb von 3 monaten bewältigen lassen. dinge, die 10, 20, 30 jahre zeit hatten, sich festzusetzen, die wird man nicht innerhalb von drei monaten los. schon gar innerhalb solcher drei monate.
es stimmt, man muss für sein glück arbeiten. man muss daran arbeiten, die alten muster und systeme zu durchbrechen, was schwierig und langwierig ist, und umso schwieriger wird je nachdem wie .. na, nennen wir es „dysfunktional,“ diese muster und systeme sind.
es fängt damit an, dass man sich seiner selbst erstmal bewusst werden muss, und das nicht in form einer einmaligen erleuchtung während eines gesprächs zb, sondern ständig. um bei den mustern zu bleiben: man identifiziert sie zunächst, und versucht dann, sich selbst so im blick zu haben, dass man sich sofort dabei erwischt, wenn man sie wieder einsetzt.
dann braucht man neue glaubenssätze, muster, wie auch immer, mit denen man die alten ersetzt. dafür muss man sich natürlich erst einmal darüber klarwerden, was man eigentlich wirklich will, wirklich braucht zum glücklichsein. hat man das klar für sich formuliert, muss man es sich immer und immer wieder bewusst machen, vor augen führen.
es geht darum, die alten wege, die man im kopf tausendmal gegangen ist, zu verlassen und neue zu gehen. und, so abgedroschen das bild auch ist, so treffend ist es einfach: jeder neue weg ist am anfang steinig. will man einen weg völlig ohne mühe, ganz selbstverständlich, gehen können, muss man ihn vorher.. ich weiß nicht, tausende male gehen, bis er richtig festgetrampelt ist und man jede biegung kennt. wie die alten, nicht-so-optimalen pfade , die man über jahre hinweg immer wieder und irgendwann ganz automatisch langgelatscht ist, eben.
ausserdem darf man bei all dem nicht zu streng mit sich sein, nicht in die selbsthass-falle tappen, wenn man meint, keine fortschritte zu machen oder nicht schnell genug zu sein, muss also auch und gerade dann darauf achten, nicht wieder in die alten muster zurückzufallen, gleichzeitig aber liebevoll mit sich zu sein und sich eventuelle rückschritte zu verzeihen.
um all das zu erreichen, kann man die verschiedensten dinge tun – es gibt so viele unterschiedliche ansätze, dass ich es am einfachsten finde, meine eigene erfahrung damit zu schildern: ich war ein halbes jahr in stationärer und ein jahr lang in ambulanter therapie, in dieser zeit habe ich sehr viele gespräche geführt, in denen ich versucht habe, mich mit dem was war und dem was ist zu versöhnen, rollenspiele gemacht, um andere, neue verhaltens- und reaktionsmöglichkeiten zu trainieren, unendlich viele bögen und ähnliches ausgefüllt, die der selbstreflektion dienten, imaginationsübungen und techniken erlernt, um entspannen und/oder regenerieren zu können, verschiedenste körperübungen, therapeutisches boxen und sporttherapie gemacht, um ein besseres verhältnis zu meinem körper im speziellen und bewegung im allgemeinen zu bekommen, gemalt und gestaltet, was besseren zugang zu meinen gefühlen ermöglichen und mir helfen sollte, diese auszudrücken, notfallkoffer gepackt und notfallpläne erstellt, um nicht mehr von (negativen) gefühlen überschwemmt und mitgerissen zu werden..
darüber hinaus habe ich stimmungs- und gedankentagebücher geführt, um mich weiterhin im blick zu haben, zettel mit für mich passenden sätzen in meiner wohnung verteilt, um sie mir besser einzuprägen, versucht, bestimmte gedankenübungen immer wieder zu machen..
ja, ich habe einiges versucht. und ich bin heute glücklicher als noch vor 10, 5 oder 3 jahren. ich habe noch einiges vor mir, die alten wege habe ich noch längst nicht alle verlassen, die alten denkmuster blitzen immer noch immer wieder auf, die selbsthassfalle schnappt nach wie vor manchmal zu – aber so gut wie immer merke ich es, wenn das passiert, noch währenddessen oder kurz darauf. gar nicht so selten gelingt es mir, dann einfach nur schmunzelnd den kopf über mich selbst zu schütteln, statt wütend zu werden, und hin und wieder ertappe ich mich dabei, wie ich einfach so etwas ganz anders mache als früher.
manchmal wird erst, wenn ich an einen glücksmoment zurückdenke, ganz erschrocken die überbesorgte stimme wach, die mich so lange schon begleitet, und fängt an zu schnattern, dass ich besser vorsichtig sein, mich nicht zu früh freuen soll, wer weiß, was da noch kommt, und überhaupt wird der absturz nach solchen momenten umso schlimmer, das weiß man doch – aber irgendwie wirkt das alles dann gar nicht mehr so richtig..

 

also: ja, glücklich sein kann man bestimmt lernen. manchmal, wenn einfach im gehirn etwas in unordnung geraten ist, braucht es vielleicht zusätzlich noch chemische hilfe, um die hormone wieder ins gleichgewicht zu bringen; vor allem aber braucht es eben arbeit. arbeit, und viel, viel geduld.

nicht nur ein buch, ein „showexperiment“ oder einen crashkurs.

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4 responses to “vom glück(lich werden)

  • Holger

    Ich hatte nach meinen suboptimalen Erfahrungen mit einigen mir als „unglaublich hilfreich“ empfohlenen Ratgeberbüchern (Grundtenor eigentlich immer „Du musst nur positiv denken“) auch kurz überlegt, ob ich mir diese Sendung ansehen sollte. Deine kurze Inhaltsangabe reicht eigentlich um mir zu bestätigen, dass meine Entscheidung dagegen richtig war. Das Hauptproblem all dieser Ratgeber und solcher Shows ist, glaube ich, dass sie die Begriffe „Glück“ und „Zufriedenheit“ unangemessen gleichsetzen. Wer nur eine kurze Phase der relativen Unzufriedenheit erlebt, der kann durch solche Kurzinterventionen sicher einen ordentlichen Anschub bekommen. Bei chronifiziertem, echtem Unglück sehe ich das aber wie Du – das erfordert viel mehr, viel längeres, diszipliniertes Arbeiten an sich – und manchmal dann eben auch noch etwas mehr Hilfe als nur Motivation, Sport, neue Klamotten und nette Worte.
    Was mich bei solchen Fernsehgeschichten (egal, ob Glücksratgeber, Makeover-Shows, Erziehungsratgeber, Schuldnerberatungen, Haushaltsführungs-Coachings und was es nicht noch alles gibt) viel mehr interessieren würde wäre eine echte Dokumentation, die den Zustand ein Jahr später aufgreift. Das wäre aber in den meisten Fällen vermutlich eher desillusionierend und daher kaum quotenträchtig.
    Und fraglich ist bei solchen Showexperimenten für mich auch immer, ob es nicht doch nur Scripted Reality ist.

    • semisuicidal

      ich gehe schon fast davon aus, dass in dieser show die hälfte gefaket war.. anderenfalls würde ich, wie du, gerne sehen, wie es bei den leuten ein jahr später aussieht.
      ich meine auch, dass vieles, was in der show angewendet und in ratgeberbüchern empfohlen wird, durchaus wirksam sein kann. dass es in phasen von unzufriedenheit, unwohlsein, wie man das auch nennen mag, vielleicht sogar ausreicht, sich für relativ kurze zeit mit so etwas auseinanderzusetzen, sehe ich auch so (wobei ich da sogar sagen würde, dass man dafür keine ratgeber braucht). mich stört eben, wie gesagt, nur, dass soviele dieser ratgeber damit werben, DIE lösung für jede art von unglück zu haben – wie der glücksreport das eben so schön getan hat.

  • flugunfaehig

    „und ich bin heute glücklicher als noch vor 10, 5 oder 3 jahren.“ – solche Sätze machen irgendwie Mut, dass man sie auch bald sagen kann und überhaupt, dass du das sagst, ist ziemlich schön. (Dein ganzer Text ist das, denn genau aus diesem Grund sah ich diese Sendung nicht an…)

    • semisuicidal

      danke dir. wie ich schon schrieb, das sind nur meine erfahrungen, das war/ist eben mein weg. und dass genau der und kein anderer der richtige ist, kann ich nicht sagen. aber eigentlich ist es auch egal, auf welchem weg man zu diesem ziel – dem, sich aus altem, ungesundem zu lösen und wieder in der lage zu sein, neues zu lernen und anzunehmen – kommt. was zählt, ist dass man nach – nein, sogar noch AUF – diesem weg irgendwann sagen kann „ich bin heute glücklicher.“

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