Archiv der Kategorie: semi-poetisches

Jahr der Katze; Oktober

Es sind diese Sonn- oder Feiertage, an denen das Alleinsein in der eigenen Wohnung, die Abwesenheit von irgendetwas außer einem selbst schon morgens so präsent sind, dass man gar nicht aufstehen will. Ein Bett ist überschaubarer als ein ganzes Wohnzimmer voller Niemand.

 
Vielleicht hat man in der Nacht davor von einem Kind geträumt, selbst wenn man am Abend davor noch davon gesprochen hat, wie sehr man keine Kinder will. Und vielleicht hat das Traumbaby ausgesehen wie man selbst, winzig klein und dunkelhaarig, nur dunklere Augen, wie schwarze Kiesel, und ist wunderschön gewesen; und vielleicht ist man nach diesem Traum aufgewacht, hilflos erstaunt über den Nachhall dieser klaren, ruhigen, ungetrübten Freude.

 
Diese Tage fühlen sich an wie Siebziger Jahre-Folksongs, irgendwie aus der Zeit gefallen, nach schwebenden Staubpartikeln, die aufleuchten, wenn der Oktoberwind mal wieder einen Fetzen aus einer Wolke gerissen hat, nach karierten Polsterholzmöbeln, wie sieben Minuten lange, wehmütige Dur-Moll-Wechsel-Stücke in Dauerschleife. Die Verbindungen nach draußen werden durchscheinend, erinnern eher an Erinnerungen, polaroidausgeblichen, herbstfarben, hängen zwischen dem Rauch im Raum. Das sind die Tage, an denen man auf dem Bett, dem Sofa, dem Fußboden liegt, den Aschenbecher neben sich, und die Decke betrachtet, und diesem anderen Teil von sich, der still und unaufhörlich aufmerksam da drüben in dem Sessel sitzt und einen betrachtet, sagt, nein, man wolle nicht wissen, wie man gerade aussähe.

 
Nichts ist zielführend, das Herumliegen nicht, das Rauchen nicht, und auch nicht das Schreiben. Und sowieso, welches Ziel überhaupt. Beim letzten Mal hat man feststellen müssen, dass es das zu erreichende Ziel gar nicht gab; und dass man nur den falschen Weg genommen hat, ist keine Option, wenn man zehn Jahre auf diesem Weg verbracht hat. Und dann steht man halt so da, auf diesem plötzlich ganz gewöhnlichen Feldweg, und weit und breit nichts, nur Felder und Wiesen, und vielleicht ist man dann auch so müde, dass man sich halt erstmal an den Wegrand legt. Ist ja auch okay, irgendwie, das Rumliegen und Rauchen. Man müsste ja vielleicht gar nicht sofort wieder aufstehen und irgendwo hin, man könnte einfach eine Weile liegenbleiben.
Wenn man nur jemanden hätte, der mit einem da liegt. Mit dem man Bilder teilen kann, Rauch und Folksongs, an dessen Schulter man vielleicht den Kopf lehnen kann, und nach oben schauen, während die Staubpartikel in den Herbstsonnenstrahlen tanzen.

 

 

 

 

(Das erste seit Ewigkeiten, bei dem ich über die ersten zwei, drei Sätze hinausgekommen bin. Fühlt sich noch irgendwie unfertig an, wollte aber trotzdem schon mal.. raus. – Inspiriert hiervon: https://www.youtube.com/watch?v=cqZc7ZQURMs )

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Stillleben

Die Spinne in der Ecke darf heute bleiben.
Seit neustem ist es einem schlicht egal,
nicht wichtig genug, um sie zu vertreiben.
Angst, Panik, Ekel, das war alles mal.

Jetzt ist es mehr so ein zähgrauer Brei.
Man atmet, starrt, man lebt vor sich hin.
Vorm Fenster treiben die Menschen vorbei
und tun alle so, als hätte das Sinn.

Man schleicht in die Küche, steht da so herum.
Nur Stille und Leere, der Kaffee ist kalt,
der Hunger längst weg, und so dreht man halt um,
Fällt wieder aufs Sofa. Und fühlt sich uralt.


x marks the spot

du hast unser haus gesprengt und die trümmer verbrannt;
dann bist du gegangen, kein blick zurück, auf mich.
ich stand da, den nutzlosen schlüssel in meiner hand,
bis ich wieder atmen konnte. dann ging auch ich.

ohne orientierung, aber ich hatte ja auch kein ziel,
sah alles gleich aus, beton und asphalt und teer,
und etwas glas, ein bisschen holz, und sonst nicht viel.
und trotzdem: los. hinter mir war ja gar nichts mehr.

bis ich jemanden rufen hörte. ich drehte mich um,
und da, ganz ausser atem, verschwitzt, standest du,
in den armen steine und mörtel. ich blieb erstmal stumm,
und ging dann, fast automatisch, einen schritt auf dich zu.

doch plötzlich begannst du zu flackern, wie licht,
und ich wusste nicht, träum ich oder bin ich wach,
oder spinn ich; mal warst du da, dann wieder nicht.

jetzt ist es nacht.
ich hab mich zusammengerollt, so kalt ist es hier.
vielleicht war es ja auch nur meine idee von dir.

 

.

 

Der Titel ist geklaut – und das ganze Gedicht inspiriert – von Ghostpoets X Marks The Spot, das ich beim Schreiben hörte.

 

 


Sonntagnachmittag, Januar

In meinem Kalender steht heute ein Todestag,
gegenüber im Kurparkcafé läuten sie den Karneval ein,
der Wind trägt das Uffta herüber
Ich ordne die Stifte vor mir nach Länge,
wenigstens Ordnung im Aussen

Von deinem Bild in meinem Kopf
weiß ich schon lang nicht mehr,
ob echte Erinnerung
oder bloß Mosaik aus alten Fotos
Fast alle aus deinem Leben vor mir,
die Fotografen ebenfalls längst tot
Nur noch ich, um sie zu betrachten
und mir die Geschichten dazu auszudenken

Ich lege die Hände in den Schoß
nichts mehr, was ich noch ordnen kann
Kalte Luft weht durchs Fenster,
ein Tusch und Applaus.


Geschützt: der große zweifel

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nirgendwoanders

meine gegend ist keine „gute gegend“, wie man so sagt. eine lange, stark befahrene straße, die aus der stadt heraus- und an fabriken vorbeiführt; die häuser alt und heruntergekommen. die bürgersteige sind voller hundehaufen, die läden ausgerichtet auf die menschen, die hier wohnen: lebensmittel- und klamottendiscounter, trink- und spielhallen. „da kannst du nicht hinziehen! da ist doch alles total abgeranzt! da wohnen doch nur asis!“

ich zog aus dem grund her, aus dem die meisten hier leben: die miete ist günstig. und das ist sie noch, aber lang nicht mehr der einzige grund, nirgendwoanders wohnen zu wollen.
alt und heruntergekommen heisst nämlich nicht: hässlich. alt und heruntergekommen heisst: es ist viel passiert. und das, was einmal schön war, geht nicht verloren, egal, wie viel putz abblättert, wie viele scheiben eingeschlagen und wie viele tags gesprüht werden.
und die menschen, die in diesen häusern leben, die sind nicht „asi“. die haben wenig geld und manchmal auch wenig bildung, die kämpfen manchmal mit all ihren mitteln und manchmal geben sie (sich) auch auf. „asi“, wirklich?
da ist meine nachbarin, die mit dem zweiten bypass und einer kaputten hüfte jeden morgen zur arbeit in die druckerei ging, bis die ihr nach 23 jahren kündigte; die so stolz darauf ist, dass ihre drei kinder alle gute jobs und „was aus ihrem leben gemacht“ haben und die so gern sonntags zum tivoli fährt, um dort die alemannia anzufeuern. da ist der alte mann, den ich, egal wann ich vorbeikomme, mit seiner flasche oettinger auf der bank an der bushaltestelle sitzen sehe. manchmal sitzt ein anderer bei ihm, dann prosten und nicken sie sich hin und wieder zu, manchmal sitzt er allein dort, beobachtet die ankommenden und abfahrenden busse und die leute, die vorbeigehen. an der haltestelle treffe ich oft auch die alte frau, die immer einen kleinen beutel mitbringt und in den mülleimer wirft, bei der ich mich schon so oft gefragt habe, was sie da drin hat, was sie nicht zuhause wegwerfen kann, und wieso überhaupt es irgendetwas gibt, das sie nicht zuhause wegwerfen kann. rechts von mir wohnt der kleine mann mit dem riesigen hund, aus dessen fenstern es immer nach gras riecht, links von mir, ein paar häuser weiter, die große, blonde, transsexuelle djane janien, die in den fenstern ihrer wohnung mit plakaten für ihre nächsten schlagerpartys wirbt.
sie wissen es nicht, aber sie schenken mir geschichten.

und zwischen diesen menschen, unter den fenstern dieser häuser, gegenüber der marmeladenfabrik, da war ein freier platz für mich.
in der imperfektion liegt mein zuhause.


weltensprung

ich, die ich mich so beobachte, wünschte wirklich, die, die ich sein will, und die, die ich bin, könnten sich treffen. denn die, die ich sein will, ist in der lage, jedem (also auch der, der ich bin), das gefühl zu geben, er ist schon vollkommen okay so wie er ist.