Archiv der Kategorie: semi-poetisches

x marks the spot

du hast unser haus gesprengt und die trümmer verbrannt;
dann bist du gegangen, kein blick zurück, auf mich.
ich stand da, den nutzlosen schlüssel in meiner hand,
bis ich wieder atmen konnte. dann ging auch ich.

ohne orientierung, aber ich hatte ja auch kein ziel,
sah alles gleich aus, beton und asphalt und teer,
und etwas glas, ein bisschen holz, und sonst nicht viel.
und trotzdem: los. hinter mir war ja gar nichts mehr.

bis ich jemanden rufen hörte. ich drehte mich um,
und da, ganz ausser atem, verschwitzt, standest du,
in den armen steine und mörtel. ich blieb erstmal stumm,
und ging dann, fast automatisch, einen schritt auf dich zu.

doch plötzlich begannst du zu flackern, wie licht,
und ich wusste nicht, träum ich oder bin ich wach,
oder spinn ich; mal warst du da, dann wieder nicht.

jetzt ist es nacht.
ich hab mich zusammengerollt, so kalt ist es hier.
vielleicht war es ja auch nur meine idee von dir.

 

.

 

Der Titel ist geklaut – und das ganze Gedicht inspiriert – von Ghostpoets X Marks The Spot, das ich beim Schreiben hörte.

 

 


Sonntagnachmittag, Januar

In meinem Kalender steht heute ein Todestag,
gegenüber im Kurparkcafé läuten sie den Karneval ein,
der Wind trägt das Uffta herüber
Ich ordne die Stifte vor mir nach Länge,
wenigstens Ordnung im Aussen

Von deinem Bild in meinem Kopf
weiß ich schon lang nicht mehr,
ob echte Erinnerung
oder bloß Mosaik aus alten Fotos
Fast alle aus deinem Leben vor mir,
die Fotografen ebenfalls längst tot
Nur noch ich, um sie zu betrachten
und mir die Geschichten dazu auszudenken

Ich lege die Hände in den Schoß
nichts mehr, was ich noch ordnen kann
Kalte Luft weht durchs Fenster,
ein Tusch und Applaus.


Geschützt: der große zweifel

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nirgendwoanders

meine gegend ist keine „gute gegend“, wie man so sagt. eine lange, stark befahrene straße, die aus der stadt heraus- und an fabriken vorbeiführt; die häuser alt und heruntergekommen. die bürgersteige sind voller hundehaufen, die läden ausgerichtet auf die menschen, die hier wohnen: lebensmittel- und klamottendiscounter, trink- und spielhallen. „da kannst du nicht hinziehen! da ist doch alles total abgeranzt! da wohnen doch nur asis!“

ich zog aus dem grund her, aus dem die meisten hier leben: die miete ist günstig. und das ist sie noch, aber lang nicht mehr der einzige grund, nirgendwoanders wohnen zu wollen.
alt und heruntergekommen heisst nämlich nicht: hässlich. alt und heruntergekommen heisst: es ist viel passiert. und das, was einmal schön war, geht nicht verloren, egal, wie viel putz abblättert, wie viele scheiben eingeschlagen und wie viele tags gesprüht werden.
und die menschen, die in diesen häusern leben, die sind nicht „asi“. die haben wenig geld und manchmal auch wenig bildung, die kämpfen manchmal mit all ihren mitteln und manchmal geben sie (sich) auch auf. „asi“, wirklich?
da ist meine nachbarin, die mit dem zweiten bypass und einer kaputten hüfte jeden morgen zur arbeit in die druckerei ging, bis die ihr nach 23 jahren kündigte; die so stolz darauf ist, dass ihre drei kinder alle gute jobs und „was aus ihrem leben gemacht“ haben und die so gern sonntags zum tivoli fährt, um dort die alemannia anzufeuern. da ist der alte mann, den ich, egal wann ich vorbeikomme, mit seiner flasche oettinger auf der bank an der bushaltestelle sitzen sehe. manchmal sitzt ein anderer bei ihm, dann prosten und nicken sie sich hin und wieder zu, manchmal sitzt er allein dort, beobachtet die ankommenden und abfahrenden busse und die leute, die vorbeigehen. an der haltestelle treffe ich oft auch die alte frau, die immer einen kleinen beutel mitbringt und in den mülleimer wirft, bei der ich mich schon so oft gefragt habe, was sie da drin hat, was sie nicht zuhause wegwerfen kann, und wieso überhaupt es irgendetwas gibt, das sie nicht zuhause wegwerfen kann. rechts von mir wohnt der kleine mann mit dem riesigen hund, aus dessen fenstern es immer nach gras riecht, links von mir, ein paar häuser weiter, die große, blonde, transsexuelle djane janien, die in den fenstern ihrer wohnung mit plakaten für ihre nächsten schlagerpartys wirbt.
sie wissen es nicht, aber sie schenken mir geschichten.

und zwischen diesen menschen, unter den fenstern dieser häuser, gegenüber der marmeladenfabrik, da war ein freier platz für mich.
in der imperfektion liegt mein zuhause.


weltensprung

ich, die ich mich so beobachte, wünschte wirklich, die, die ich sein will, und die, die ich bin, könnten sich treffen. denn die, die ich sein will, ist in der lage, jedem (also auch der, der ich bin), das gefühl zu geben, er ist schon vollkommen okay so wie er ist.


ich habe einen stein im bauch

und wenn ich mich drehe oder lache

mich bücke oder laufe

dann tut es weh

 

und ich weiß

stillstand ist der tod

 

aber bewegung bedeutet schmerz


ein experiment, teil 2

vor knapp einem jahr befand ich mich schon mal in der für mich totaaal ungewöhnlichen situation ^^, ums verrecken nicht zu wissen, woüber ich bloggen soll. da hat mir (wie so oft) twitter geholfen, genauer gesagt, meine großartigen follower. damals sah das so aus.

heute war’s dann wieder so weit: ich habe meine follower gebeten, mir 5 wörter zu nennen, aus denen ich dann versuche, eine geschichte zu stricken. das war auch relativ schnell geschehen, die ersten 5 einsender waren: @thalestria,“glück“; @leibowitz , „badesalz“; @dramalovesme, „licht“;  @caramelinfusion, „caramelinfusion“ und @tuneless_song, „seifenblasenlichtreflexionsbild“. (liebsten dank euch allen nochmal!)

vor begutachten des textes, der aus diesen 5 wörtern entstanden ist, bitte ich um beachtung der tatsache, dass er unter dem einfluss einer flasche wein entstand. eventuelle kitschigkeiten sind damit zu entschuldigen. vielen dank!

Ich schließe die Tür auf, da höre ich sie schon im Flur. Sie kommt mir entgegen, mit ölig-glänzenden Händen, strahlend. Ich grinse. „Was machst du denn?“ – „Badesalz!“ ruft sie mir über die Schulter zu. Ich folge ihr in die Küche. Der Tisch steht voller Fläschchen, Phiolen, Tiegelchen, wasweißich, dazu ein riesiger Pack Salz. „Das ist für heute abend, wir gehen baden! Guck mal, ich hab sogar Glitzer!“ Das ist für heute abend, wir gehen baden. Ja, für sie ist alles.. besonders. Nichts ist einfach nur eine Tätigkeit. Alles kann aufregend, schön, neu sein.

Ich mochte sie nicht, als wir uns kennenlernten. Oder besser: ich dachte, sie nicht zu mögen. Ihre wirbelige Art, ihre kindliche Freude, ihre Wortneuschöpfungen – ich meine, wer kommt schon auf Dinge wie „Seifenblasenlichtreflexionsbild“? Das alles war mir so.. fremd. Ich konnte das Leben nicht so sehen. Nicht, dass sie immer fröhlich gewesen wäre, im Gegenteil, wenn sie traurig war, war das allumfassend, beängstigend manchmal, aber sah man sie dann ’nen halben Tag, ein paar Stunden, manchmal nur Minuten später, dann strahlte sie wieder. Und das – das konnte ich nicht. Ich konnte traurig sein wie sie, aber ich konnte nicht kurz darauf wieder lächeln, mich in mein Buch oder die Musik auf meinem Ipod vertiefen oder in einem lebhaften Gespräch aufgehen.
Vielleicht lag das auch daran, dass ich es nicht so schnell wieder loslassen konnte. Ich konnte zwar genauso traurig sein wie sie, aber ich konnte nicht weinen, wenn mir danach war, ich konnte niemandem den Kopf auf die Schulter legen und sagen „ich bin so traurig grad‘.“ Ich konnte nur schlucken, die Fäuste ballen, versuchen, die zitternde Unterlippe in den Griff zu bekommen. Tja, und wer ständig alles in sich vergräbt, der braucht sich nicht wundern, dass er es nicht loswird.
Dass meine Tendenz, Distanz zu ihr zu halten, also nicht auf Abneigung, sondern auf Angst beruhte, machte mir mein Therapeut klar, der sich irgendwann nicht mehr abwimmeln ließ, nachdem ich mich wieder und wieder in unseren Sitzungen über sie ausgelassen hatte. Daraufhin wurde mein Fluchtreflex ihr gegenüber zunächst erstmal noch viel größer. Aber wenn man einen Freundeskreis teilt, läuft man sich zwangsläufig immer wieder über den Weg. Und wenn man Anfang 20 und etwas orientierungslos ist, dann enden Abende eben immer wieder in viel Bier und ein paar Joints, und ein solcher Abend war es, an dem wir uns näher kennenlernten. Eigentlich meinte ich sie sogar schon recht gut zu kennen – aus der Distanz lässt es sich gut beobachten – aber naja, irgendwie sah sie dann auch viel mehr von mir, als ich gewöhnlich zu zeigen bereit war. Ich schob das aufs Bier.

Ihr Quietschen reisst mich aus meinen Gedanken. „Und weißt du, was ich noch habe?!“ sie hüpft auf und ab. „Caramel chocolate shortbread! Hab‘ ich heut‘ morgen gebacken!“ Sie läuft in die Küche, kommt zurück mit einer Dose voller Kekse, hält sie mir entgegen. Ich nehme mir einen Keks, dann ihr die Dose aus der Hand und ziehe sie an mich. Mit dem Mund voller Karamell und Schokolade küsse ich sie, dann macht sie sich los und ginst mich an. „Caramelinfusion!“ – „Infusionen sind normalerweise intravenös, Hase!“ grinse ich. „Ist doch egal, es passt trotzdem!“

Ihre Fähigkeit, Dinge einfach selbst zu gewichten, und das, was sie für weniger unwichtig hält, einfach zu ignorieren, ist auch so was, was mir früher Angst machte, und um das ich sie heute beneide. Für mich wurde an bestimmten Dingen einfach nicht gerüttelt. Meine Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin, hatten mir beigebracht, dass man sich an bestimmte Dinge einfach hält, dass man das, was man gelernt hat, nicht einfach so in Frage stellt oder gar über Bord wirft.
Ja, sie ist in vielem mein Gegenteil. Sie ist, wie sie ist, und nicht, wie sie glaubt, sein zu müssen. Sie kann von ihrem glauben an das Glück sprechen, ohne jeglichen Zynismus. Sie mag die Dunkelheit, hat aber auch keine Angst vor dem Licht.

Und vielleicht schafft sie es irgendwann, mir meine zu nehmen. Aber jetzt gehen wir erstmal baden.